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Post-Brexit: Jung gegen Alt ist nicht die neue Konfliktlinie

post-brexit_webDieser Beitrag erschien zuerst bei CICERO

Selten ist die Wahlsoziologie so eindeutig: 73 Prozent der britischen 18-24-Jährigen haben für den Verleib in der EU gestimmt. 60 Prozent der über 65-Jährigen stimmten für den Brexit.

Viele Kommentatoren urteilten, ohne eine zweiten Gedanken zu verschwenden: Der Brexit steht für einen Konflikt der Generationen. Die Jungen klagen an: Die Alten verbauen uns unsere Zukunft. Es wird zu Jugendbewegungen aufgerufen, zum Aufstand gegen die Eltern und Großeltern.

Zunächst müssen sich die Jungen an die eigene Nase packen: Zu viele haben von ihrem Wahlrecht nicht Gebrauch gemacht und ihre Zukunft damit in die Hände der anderen, auch der älteren Wähler, gelegt.

Doch selbst wenn die Wahlbeteiligung der Jüngeren höher gewesen wäre, greift der Zorn auf die Älteren zu kurz. Die Alten haben nicht für den Brexit gestimmt, um den Jungen das Recht auf Freizügigkeit zu nehmen. Es waren die heutigen Alten, die in den letzten 60 Jahren das europäische Projekt aufgebaut haben. Friedensprojekt Europa ist für sie keine Worthülse sondern Teil der eigenen Biographie. Aber die Welt ist eine andere geworden. Die Alten übertragen ihre Ängste von heute in Sorgen um das Leben von morgen ihrer Kinder. Leider irren sie sich dabei.

Großbritannien ist kein Einzelfall, was den Generationenunterschied in der Europa-Frage angeht. Anfang Juni testete das Pew Research Institute die Einstellungen zur EU in zehn europäischen Ländern – darunter in Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Niederlande, Polen, Schweden, Spanien und Ungarn. Diese zehn Länder stellen 80 Prozent der EU-Bevölkerung und erwirtschaften 82 Prozent des europäischen Bruttoinlandsproduktes. In neun dieser zehn Länder ist die EU-Skepsis in der Altersgruppe über 50 Jahre am größten. Einzig in Italien ist die Unterstützung für die EU unter den Generationen etwa gleich verteilt.

In sechs der zehn Länder liegt die Zustimmung zur EU in der älteren Bevölkerung unter 50 Prozent – mitunter  sogar deutlich. Zu diesen Ländern gehören auch Frankreich und Deutschland, in denen die Zustimmung der Älteren zwischen 2015 und 2016 um erdrutschartige 19 beziehungsweise 11 Prozent gesunken ist. Dieser freie Fall der EU-Unterstützung der Alten fällt in die Zeit, in der sich Europa und viele Gesellschaften an einem Thema gespalten haben: der Flüchtlingspolitik.

Ja, Europas Generationen sind gespalten. Aber die Alten wollen den Jungen eben nicht die Zukunft verbauen. Die Spaltung ist Ausdruck einer neuen gesellschaftliche Konfliktlinie: Abschottung vs. Offenheit. Breite Teile unserer Gesellschaft sind gestresst von Migration, Digitalisierung, Ökonomisierung. Das ist mitunter nachvollziehbar, das muss offen thematisiert werden. Das geht nur mit einer konstruktiven und nicht von Rechtspopulisten getragenen Debatte über Ursachen und stressmindernde Maßnahmen. Abschottung mag kurzfristig eine trügerische Entlastung bringen. Vielleicht ist sie deshalb so reizvoll für die Älteren. Doch Stress reduziert man am erfolgreichsten durch das Gefühl, die Dinge selbst in der Hand zu haben.

Kontrolle und Selbstbestimmung waren auch deshalb die Kernversprechen der britischen Politiker, die ihr Volk aus der EU getrieben haben. Folgerichtig, dass Le Pen den Brexit als „Sieg der Freiheit“ feierte. Doch die Rechtspopulisten verdrehen alles. Sie vergewaltigen den Freiheitsbegriff.

Selbstbestimmung gibt es für nationale Demokratien und ihre global verflochtenen Volkswirtschaften nicht durch politische Re-Nationalisierung, sondern durch Zusammenschluss mit anderen Demokratien. Ein einzelner Nationalstaat kann in der globalen Marktwirtschaft keine Sicherheiten für seine Bürger schaffen. Die multinationalen Konzerne tanzen einzelnen Staaten auf der Nase herum. Steuervermeidung ist dafür das letzte Aufreger-Beispiel. Erst wenn nationale Demokratien gemeinsam globale Regeln für die globale Marktwirtschaft setzen, begegnen sie der Globalisierung auf Augenhöhe und können Selbstbestimmung und Kontrolle zurückgewinnen. Konkrete Politik kann man besser machen, aber die europäische Idee ist schon das Beste, das wir haben.

Darüber müssen wir Jungen mit den Älteren reden. Gleichzeitig müssen wir ihnen die Sorgen vor Einwanderung und fremden Kulturen nehmen. Wir Jungen können das, denn wir haben das Privileg, Sprachen zu lernen und Ländern zu bereisen. Unsere Einstellungen gegenüber Polen, Bulgaren, Portugiesen und Türken sind nicht durch Stereotype, sondern durch persönliche Begegnungen geprägt. Als Generation Erasmus sind wir die sozialen Profiteure der Globalisierung. Unsere Großeltern konnten – außer gezwungen durch den Krieg – nicht durch Europa und die Welt jetten. Meine Oma denkt, alle Polen seien wie jene, die sie beim Discounter auf dem Parkplatz sieht. In ihrer Welt existieren keine jungen, gebildeten, kreativen Polen, die in Krakau Start-ups gründen oder für Freiheit und Demokratie seit Monaten auf die Straßen gehen. Wir müssen sie in das Weltbild unserer Großeltern einflechten.

Gehen wir es an! Streiten wir für unsere Zukunft und einen Freiheitsbegriff, der Freiheit nicht mit Abschottung vor anderen und selbst auferlegter Unfreiheit verwechselt, sondern Freiheit für uns und andere durch Offenheit und Kooperation erreicht!

Für diese Debatte müssen wir unsere Diskursgewohnheiten ändern. Wir müssen raus aus unseren Facebook-Blasen. Dort können wir den Kampf nicht gewinnen, weil er uns dort überhaupt nicht vor Augen geführt wird. Böhmermann liken reicht nicht. Wir müssen dorthin, wo heute die Älteren nordkoreanische Mehrheitsverhältnisse genießen: in die Parteien, Verbände, Institutionen. Und natürlich auch an die Wahlurne!

Institutionalisierte Politik abzulehnen ist ein Trugschluss. Wir Jungen müssen den demokratischen Humus erobern. Und zwar jetzt. Ansonsten fängt er sehr bald an zu schimmeln.

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