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Sind “Fake News” im Wahlkampf für Merkel gefährlicher als die SPD?

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Hinweis: Dieser Text wurde vor dem “Schulz-Effekt” geschrieben

“Fake News” sind kein neues Netzphänomen, doch seit sie für Wahlkämpfe relevant geworden sind, überschlagen sich die Bundespolitiker mit Vorschlägen, um ihnen Herr zu werden. Wie schon in manchen Einlassungen zum “postfaktischen Zeitalter”, fehlt dem inflationären Gebrauch des Terminus “Fake News” an vielen Stellen die Begriffsschärfe. Nicht jede Falschmeldung ist “Fake News” (sondern nur die mutwillig erfundenen Meldungen) und nicht jede emotionsbetonte Botschaft ein Beleg für ein postfaktisches Zeitalter – einer solchen, wenn auch gefährlichen Form der politischen Kommunikation gleich eine gesamte Epoche zuzuschreiben, macht es den Populisten im Land viel zu einfach.

Was wirklich “Fake News” sind und woher sie kommen, zeigen neue Daten der Social-Media-Analysesoftware BuzzSumo, die von der englischsprachigen Ausgabe von BuzzFeed bereitgestellt wurden. Untersucht wurde die Popularität von Links auf Facebook, die zu externen Nachrichtenartikeln (wahre als auch falsche Nachrichten) mit dem Stichwort “Merkel” führen. Der Popularitätswert eines Links auf Facebook ergibt sich bei dieser Analyse aus der Summe der “Gefällt mir”-Angaben, Teilungen (“Shares”) und Kommentare – zusammengenommen im Englischen “Engagement” genannt. Diese Werte geben keine Auskunft über die Zahl der Aufrufe der Links (“Klicks”) – diese dürfte in der Regel noch um einiges höher liegen, wie das Beispiel des Youtube-Videos unten zeigt.

Das Ergebnis der Analyse zeigt eine verheerende Resonanz von deutschsprachigen Fake News über Merkel auf Facebook. Unter den zehn populärsten Links zu Nachrichtenartikeln sind fünf Quellen von “Fake News” und rechtspopulistischer, nicht unabhängiger Webseiten. Dazu gehören unseriöse oder eindeutig rechtsgerichtete Medien wie epochtimes.de, Kopp Verlag, Deutsche Wirtschaftsnachrichten und die Junge Freiheit. Die beliebteste Falschnachricht war ein Video des rechtspopulistischen “Rebel News”-Senders aus Kanada, in dem Angela Merkel als geisteskrank dargestellt wird. Der Link zu dem Video erzeugte über 80.000 Interaktionen, auf Youtube hat es heute über 1,2 Millionen Aufrufe.

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Anhand eines einzelnen Artikels aus der Junge Freiheit hat BuzzFeed zudem analysiert, welche Facebookseiten zur Weiterverbreitung solcher Fake News beitragen. Ersichtlich wird ein Netz rechtspopulistischer und rechtsextremer Seiten von der NPD über Pegida bis hin zur AfD und der österreichischen FPÖ, die unter den rechten Parteien Europas die professionellste PR-Arbeit macht.

Der Kampf gegen “Fake News” bleibt ein sehr mühsames Unterfangen, auch wenn Facebook nun erste konkrete Schritte in Deutschland unternimmt und zusammen mit CORRECTIV die Meldung und Überprüfung von Falschnachrichten verbessertDie Popularität von Falschnachrichten, die diese Analyse zeigt, müssen neben den Plattformbetreibern auch die seriöse Medien und die politische Bildungsarbeit auf den Plan rufen. Dazu drei Gedanken:

Erstens, Facebook kann über die jetzt eingeleiteten Maßnahmen hinaus eine konstruktive Rolle gegen “Fake News” spielen. Facebook-Seiten von Nachrichtenanbietern könnten mit einem Bewertungssymbol versehen werden, das über die Qualität ihrer Informationen Auskunft gibt. Eine Nachrichtenampel wäre eine Idee für ein solches Leitsystem: Bei Seiten wie epochtimes.de oder breitbart.com würde die Ampel auf rot stehen, bei der ARD oder der FAZ auf grün, bei halbseriöse Quellen auf gelb. Die Vergabe der Ampelfarben müsste unabhängig und nach objektiv nachvollziehbaren Kriterien erfolgen.

Zweitens, die seriösen Medien müssen den Kampf mit Falschnachrichten aufnehmen und eine klare Trennlinie zwischen ihren unabhängigen, sorgfältig recherchierten Informationen und den parteiischen, mitunter frei erfundenen Informationen der neuen Konkurrenten ziehen. Nur wenn die Qualitätsmedien “Fake News” als Konkurrenz erkennen und ernst nehmen, können sie ihre Stellung gegenüber ihnen sichern und der Entartung ihrer Zunft entgegenwirken. Die BBC geht derzeit mit guten Beispiel voran.

Drittens, letztlich beruht die Popularität von Falschnachrichten auf mangelnder Medien- und Informationskompetenz der Nutzer. Niemand glaubt freiwillig einer Lüge. Wie die Güte von Informationen beurteilt werden kann, wie seriöse von unseriösen Quellen unterschieden werden können, ohne dass neue alternative Medien unter Generalverdacht gestellt werden, ist lernbar. Der Hype um “Fake News” zeigt einmal mehr: Die digitalen Revolution findet im Lernplan nicht statt – oder eben viel zu spät.

Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik wird in den kommenden Monaten stärker als jemals zuvor die Zielscheibe von “Fake News” werden. Nach den USA hat sich Breitbart die deutsche Öffentlichkeit als nächstes Schlachtfeld ausgesucht – das ist schon vor dem Start der deutschen Breitbart-Ausgabe spürbar.

Wenn es der SPD oder der Linken nicht gelingt, verdrossene Wähler für sich zu gewinnen, sind “Fake News” der gefährlichste Gegner von Angela Merkel in diesem Wahlkampf. 

Zum Thema Debattenkultur im Wahlkampf habe ich mich auch im Interview mit dem Deutschlandfunk geäußert

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